Geschichten

„Können sie hier nicht eine Ausnahme machen?“ Carsten Spätmann fleht. Kurzzeitig überlegt er, sich vor Frau Dr. Graumann bäuchlings auf den Boden zu werfen. Wie soll er bloß erklären, dass ihm gerade dieses Detail so wichtig ist.

Fast zärtlich legt ihm Frau Dr. Graumann die Hand auf die rechte Schulter.

„Herr Spätmann. Die Regeln sind eindeutig. Da können sie noch so viel flehen und betteln. Ich bin gebunden, mich an die Gesetze zu halten. Wie soll ich Ausnahmen machen? Dann könnte jeder kommen und auf seinen Nachbarn verweisen. Das geht nicht, wirklich nicht.“ Frau Dr. Graumann schüttelt entschuldigend den Kopf.

Die Situation wird für Carsten Spätmann immer fahriger. Noch so ein Satz und ich verliere die Kontrolle über mich, murmelt es in seinem Hirn. Irgendwo hier muss doch die schwere Wasserwaage liegen? Nein, er muss vernünftig bleiben. Vielleicht noch mal an die Ästhetik und den gesunden Menschenverstand appellieren? Und vor allem: Ganz ruhig bleiben.

„Frau Dr. Graumann“. Carsten Spätmann hasst die Betonung des akademischen Grades, aber jetzt muss es wirklich sein. „Ich weiß, dass sie Regeln haben. Aber schauen sie, ich möchte doch nur diese klitzekleine Genehmigung. Mehr nicht.“ Devot zieht er den Kopf zwischen die Schulter, legt ihn leicht betschwesterlich schief und zeigt mit Daumen und Zeigefinger an, wie klein doch der Gefallen ist, den ihm die stattliche Frau der staatlichen Behörde angedeihen lassen soll.

Frau Dr. Graumann atmet tief durch. „Noch einmal für sie. Zum Mitschreiben. Ganz langsam Es gibt eine Satzung für den Denkmalschutz. Und die lässt nun mal Scheiben aus blauem Glase für ein Bauernhaus nicht zu. Zumal, wenn es weiß getüncht ist, schwarze Querbalken hat und aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammt. Meinetwegen können sie die Fenstersparren und Rahmen undsoweiter blau machen. Aber nicht das Fensterglas.“

„Nicht?“

„Gar nicht!“

„Auch kein kleines bisschen?“

Frau Dr. Graumann reckt die Arme in die Höhe, so dass die orangefarbene Bluse aus dem grauen Kostümrock rutscht. „Himmerlherrgottnochmal. Wie oft soll ich mich wiederholen. Können sie nicht ihre Fenster so gestalten, wie alle anderen im Dorf auch? Butzenscheiben, oder verspiegelte, meinetwegen können sie auch Kunststofffenster nehmen. Das ist mir alles egal. Nur blaues Glas, nein, das kommt hier nicht rein.“

„Basta?“

„Basta!“

Carsten Spätmann verschränkt die Arme vor dem Körper. „So, sie haben es nicht anders gewollt.“

„Genau. Ich habe es nicht anders gewollt.“ Nun zeigt auch Frau Dr. Graumann, dass sie die Arme straff vor der Brust verschränken kann.

„Dann tragen sie auch die Konsequenzen?“ Carsten Spätmann kneift gefährlich die Augen zusammen.

„Dann trage ich die Konsequenzen.“ Frau Dr. Graumann nickt.

„Alle?“

„Nun, im Rahmen meines Auftrages!“

„Also, nicht uneingeschränkt?“

Frau Dr. Graumann stutzt. „Was heißt hier ‚nicht uneingeschränkt’? Ich habe einen Auftrag, der beruht auf unserer Satzung und den mir vom Amt für Denkmalpflege übertragenen Aufgaben. So weit geht meine Entscheidungskompetenz. Mehr nicht – aber auch nicht weniger.“

Carsten Spätmann grinst. „Okay. Das wollte ich hören. Ich werde mich an ihre Vorgaben halten. Aber, es bleibt dabei: Auf ihre Verantwortung! Sie haben aufgrund der Satzung und ihres Auftrages entschieden und damit tragen sie alle Konsequenzen. Sie werden dann sicher wieder von mir hören.“

Jetzt ist es an Frau Dr. Graumann, die Augen zusammen zu kneifen.

„Wie meinen sie das?“

„Nun, so wie ich es gesagt habe.“ Carsten Spätmanns Tonfall wird paternalistisch und jovial. „Ich wollte Fensterscheiben aus blauem Glas. Sie haben mir das verboten. Sie persönlich.“ Er reckt den Zeigefinger hoch. „Also halte ich mich an ihre Vorgaben, nehme, beispielsweise, Butzenscheiben, wie es sich zu einem historischen Bauernhof gehört und dann werden sie die Folgen zu tragen haben.“

„So geht das nicht, Herr Spätmann.“ Frau Dr. Graumanns Sprachmelodie wird bitterlich. „Sie können mich doch nicht ad personam für die Folgen verhaften wollen?“

„Und ob ich das kann, Frau Doktor. Und ob! Sie verstehen mich richtig, sogar im wortwörtlichen Sinn. Verhaften, ja, das wird man mit ihnen tun, wenn hier Butzenscheiben hereinkommen und nicht die von mir beabsichtigten. Aber bitte. Ich habe sie gewarnt und sie haben es nicht anders gewollt.“

„Basta?“

„Basta!“

Frau Dr. Graumann fleht. Kurzzeitig überlegt sie, sich vor Carsten Spätmann auf den Boden zu werfen. Wie soll sie bloß erklären, wie unwichtig dieses Detail gerade ist.

„Meinetwegen nehmen sie blaue, Herr Spätmann!“

„Wie bitte? Nein, ich verstoße doch nicht gegen die Satzung und ihren Auftrag. Ich nehme Butzenscheiben und sind verantwortlich für die Folgen.“

Frau Dr. Graumann fällt auf die Knie, robbt sich an Carsten Spätmann heran und fasst verkrampft nach seinen Jeans. „Tun sie das nicht. Bitte. Tun sie das nicht. Tun sie mir das nicht an.“

Carsten Spätmanns Körper versteinert. Memmen konnte er noch nie leiden. Wortlos zeigt er auf die Haustür.

Frau Dr. Graumann erhebt sich schwerfällig, streicht sich Rock und Bluse glatt und verlässt, gesengten Hauptes, das alte Bauernhaus. Carsten Spätmann sieht noch durch die offene Tür, wie sie zitternd ihren Autoschlüssel aus der Handtasche holt, den weißen Dienstgolf aufschließt und davon fährt.

Aus seiner rechten Hosentasche zieht er ein Handy, wählt eine Nummer.

„Hallo Henry? Henry? Carsten hier. Ich bin auf der Baustelle. Ja, du kannst Fenster bestellen. Nimm die blauen!“