Geschichten

„Dafür bin ich nicht zuständig.“ Ein wenig schnippisch, mit geschürzten Lippen, aber klar und deutlich beschied Frau Wollregen Herrn Maßmanns Anfrage abschlägig. Sie dreht sich um und ging. Herr Maßmann blieb, einigermaßen verwirrt, im Flur zurück. Dabei hatte er nur darum gebeten, dass Frau Wollregen den Revisionsbericht inventarisierte. Das wollte sie nicht. Also gut.

Oder nicht gut? Maßmann arbeitete erst seit einigen Wochen bei dieser Behörde. Er kam aus einem mittelständischen Betrieb, und das Wort „zuständig“ hatte er dort noch nie gehört. Da fühlten sich alle für das Wohlergeben des Unternehmens mit verantwortlich. Hier, auf dem Amt, musste er nun lernen, dass es Zuständigkeiten gab. Sie stellten Kriterien dar, für Arbeitsschritte, die man erledigte und Arbeitsschritte, die man eben nicht erledigte. So einfach war das. Sein früherer Chef hätte jedem, der mit „Zuständigkeiten“ kam, Arbeitsverweigerung unterstellt. Auf dem Amt war das anders, normal halt.

Maßmann ärgerte sich. Und er ärgerte sich umso mehr, weil Frau Wollregen so verflixt gut aussah. Ihr Gesicht, ihr Blick und ihre Figur passten in Maßmanns Sicht so gar nicht zu einer Frau, die sich nicht zuständig fühlte. So jemand musste doch gewillt sein, einem netten – davon war Maßmann absolut überzeugt – und überdies neuem Arbeitskollegen zu helfen. Maßmann seufzte und machte sich auf den Weg ins Archiv. Er brauchte einige Zeit, um sich zwischen den Aktenregalen zurecht zu finden. Nach einiger Zeit hatte er die passende Ordnungsnummer gefunden, öffnete die entsprechende Akte und heftete den Revisonsbericht ab. Das hatte ihn gut gerne eine Stunde gekostet, Zeit, die er für andere Dinge, die dringend erledigt werden mussten, benötigte.

Mit der Zeit gewöhnte sich Maßmann an die Arbeitsabläufe. Er lernte viel über Zuständigkeiten und versuchte sorgsam, sie zu beachten. Er lernte, nicht zu fragen, was dieses oder jenes bedeute; er lernte, mit mangelnden Informationen umzugehen. Informationen bedeuten Macht und weil jeder gerne mächtig sein möchte, geht man mit Informationen sparsam um.

Nachdem er die Eingewöhnungsphase überwunden hatte, bekam Maßmann einen Blick auf die Kolleginnen und Kollegen. Bei den Pausen, am Kopierer, auf dem Flur sprach man nun schon mal über etwas privatere Dinge. Er wusste, dass Herr Walter in seiner Freizeit Golf spielte, Frau Hegemann immer noch gerne strickte, obwohl ihre Töchter wirklich alle aus dem Haus seien und nur noch ab und zu reinschauen würden, und dass Frau Schröder sich zum Mittagessen immer das gleiche Müsli zubereitete.

Insbesondere lernte er die Reize von Frau Wollregen näher kennen. Bald nach dem ersten Korb, dem sie im bezüglich des Revisionsberichtes gegeben hatte, bekam Maßmann wieder im Rahmen eines Projektes mit ihr zu tun. In der Sache war sie zuständig und Maßmann musste feststellen, dass er mit Frau Wollregen gut zusammenarbeiten konnte. Sie erledigte ihren Part zuverlässig und präzise, dazu noch kollegial und – wie Maßmann widerholt feststellte – sehr anmutig. Man sprach viel, man lachte gemeinsam und Maßmann freute sich auf jede Stunde, in der er mit Frau Wollregen zusammenarbeiten konnte. Nach Zuständigkeiten fragte er nicht. Wenn er etwas nicht genau wusste, hatte er sich eine Fragetechnik zurecht gelegt, mit der er ihren Zuständigskeitsrahmen ausloten konnte, um unangenehme Situationen von vorneherein zu vermeiden. Er meinte sogar zwischendurch feststellen zu können, dass sie kleinere Aufgaben erledigte, für die sie eigentlich nicht zuständig wäre. Wie doch Sympathie die Arbeitseinstellung verändern kann, dachte sich Maßmann.

Nach einem erfolgreichen Projektabschluss fragte Frau Wollregen Herrn Maßmann unversehens, ob er nicht am Abend mit ihm ausgehen wolle. Zunächst war Maßmann irritiert, aber nach einem kurzen Überlegen verwarf er alle Bedenken, die er hätte haben können, und sagte zu. Immerhin: Man war doch noch per Sie!

Das änderte sich dann am Abend in der Bar vom Vierjahreszeiten, die besonders wegen ihrer Aussicht über den Stadtsee gerne besucht wurde. Man war unbeschwert, sprach über das Projekt und ein bisschen über Privates und nach Dreiundzwanziguhr war man, leicht angeregt durch die Cocktails, endlich zum „Du“ übergegangen. Ganz gentlemanlike brachte Maßmann Frau Wollregen nach Mitternacht zum Taxistand.

Es blieb nicht bei dem einen Barabend. Man traf sich jetzt öfter. Mal zum Kino, mal zum Theater, mal zum Squash, ja sogar einmal an einem Sonntagmorgen zur Kulturmatinee. Maßmann, der seine Freiheit und Unabhängigkeit immer geschätzt hatte, konnte den wöchentlichen Treffen durchaus etwas abgewinnen. Über Zuständigkeiten sprach man nicht. Es war angenehm in Frau Wollregens Nähe. Er war nicht alleine und genoss, dass sie zu zweit durchaus Aussehen erregten. Das führte er eindeutig – und sicher nicht zu Unrecht – auf Frau Wollregens Attraktivität zurück.

Die Treffen wurden intensiver, mal bei ihm zuhause, mal bei ihr. Es kam der Tag, an dem sie eine Nacht lang blieb und beide erstmalig am Morgen gemeinsam die Behörde betraten.

Bei aller Nähe achtete Maßmann auf seine Freiheit. Mehr als ein oder zwei Treffen pro Woche wollte er nicht und Frau Wollregen ließ sich darauf ein.

Eines Morgens, draußen war grauer Oktober, betrat Maßmann recht gut gelaunt das Amt. Frau Wollregen trug natürlich dazu bei, dass ihm die Arbeit jetzt richtig Spaß machte. Dazu hatte er sich gut mit den Besonderheiten des öffentlichen Dienstest arrangiert.

Er hatte sich angewöhnt jeden Morgen, wenn er den Büroflur betrat, kurz an Frau Wollregens Tür zu klopfen, ein kleines Hallöchen hinzurufen, dass sie zumeist mit einem Lächeln quittierte.

Heute war alles anders.

Sie lächelte, wie an jedem Morgen. Gleichzeitig winkte sie in verschwörerisch an ihren Schreibtisch. Maßmann trat ein und stellte sich an die Tischkannte. Frau Wollregen stand von ihrem Bürodrehstuhl auf, ging kurz an ihm vorbei, um die Bürotür zu verschließen. Damit auch ja niemand eintreten konnte, stellte sie sich vor die verschlossene Tür und blickte Maßmann an.

Sie lächelte wieder. „Du“, sagte sie.

Maßmann schwieg.

„Du.!Ich habe eine Überraschung für dich!“

Maßmann schwieg immer noch. Er mochte diese Spielchen schon als Kind nicht, wenn er irgendetwas raten sollte oder wenn andere, Erwachsene, meinten, ihm eine Freude bereiten zu wollen. Selbstbestimmung war immer ihm immer schon wichtig.

Jetzt ließ Frau Wollregen von der Bürotür ab und nahm ihre Lederhandtasche in die Hand, die auf dem Besprechungstisch lag. Mit einem schnellen Griff nahm sie ein schmales weißes Röhrchen aus der Tasche. Am oberen Ende des Röhrchens leuchteten ampelfarben zwei Punkte. Die hielt sie Maßmann vor die Nase.

„Ich bin schwanger“, sagte sie, und das Adjektiv flötete sie in einer Höhe, die an den Sprung von Balletttänzerinnen erinnerte.

„Äh, ja.“ Maßmann wusste nicht recht was er sagen sollte.

Frau Wollregen nahm seinen Kopf in ihre Hände und lächelte ihn über das ganze Gesicht an.

„Ich bin schwanger. Ist das nicht toll?“

„Ja, äh, also, ich wollte…“

Frau Wollregen unterbrach ihn: „Freust du dich denn gar nicht?“

Sie lachte wieder, so als wollte sie ihn partout mit ihrer unverhohlenen Freude anstecken.

„Nun, ich, also …“

„Ja, wie, was, also?“

„Also ich meine….“

„Was meinst du?“

„Also, ich meine ja, äh Nein, ich weiß nicht, ob….“

Maßmann rang um seine Fassung und behielt schließlich Oberhand, „…ich meine, ich weiß nicht, also, ganz ehrlich: Ich dachte, Du verhütest?“

„Ich?“, fragte Frau Wollregen empört zurück. „Ich? Wo denkst du hin? Dafür bin ich nicht zuständig.“