Essays

Richtige Männer, zumindest die, die sich dafür halten gibt es genug. Wir machen alles anders. Der Vorsätze waren genug. Weder unsere mittlerweile fünfjährige Tochter wollten wir geschlechtsspezifisch erziehen – das geht ja gerade noch – und erst recht nicht den jüngsten Sprössling. Einen Macho möchten wir nicht heranziehen, von der zukünftigen Schwiegertochter wollen wir uns dereinst nicht sagen lassen, wir hätten einen Pascha gezüchtet. Wenn wir überhaupt eine Schwiegertochter bekommen, denn in rund fünfundzwanzig Jahren werden wohl hauptsächlich die Männer gesucht werden, die von jungen Jahren an ihre weibliche Seite entdeckt und gepflegt haben. Wir waren als verantwortliche Erziehungsberechtigte gewillt, unseren Part dazu beizutragen.

Und wir haben uns in den vergangenen Jahren  redlich bemüht. Zum ersten Geburtstag bekam der Kleine eine Käte-Kruse-Puppe geschenkt. Okay, die ansonsten geschlechtsneutrale Figur trug einen Matrosenanzug, aber das war schon die einzige Konzession. Sicher wurde der Kleine ab und an mit frischen Matchboxautos versorgt, nicht zuletzt deswegen, weil er alle Modelle nacheinander wahlweise demontiert oder demoliert hatte. Aber dann gab es auch regelmäßig kleines Küchengeschirr, damit sich Monsieur rechtzeitig an die Hausarbeit gewöhnt. Er darf beim Backen über die Schulter schauen. Er darf den Mixer halten. Er freut sich, wenn er auf dem Staubsauger reiten darf. Er sieht seinen Vater regelmäßig bügeln. Und mit dem Familienauto fährt eh stets die Mama, weil der Vater mit dem Fahrrad zur Arbeit kommt. Selbstverständlich geht auch die Mutter arbeiten. Alles in allem dürfte also Gender bei uns keine Problematik sein und die zukünftige Schwiegertochter sich freuen. Wir haben uns bemüht. Wir sind gescheitert. Ich gestehe das gerne in aller Öffentlichkeit ein. Unser Sohn ist ein Junge. Ein richtiger. Er versammelt alle Klischees, die man sich denken kann. Wenn er einen Schraubenzieher sieht, stürzt er sich auf das Ding, um wie wild an Schrauben, Steckdosen und Schrankschlössern herumzuwerkeln. Wenn der Opa in den Bastelkeller steigt, ist er mittenmang dabei. „Reparirn“ ist ein Zauberwort für ihn. Zangen und Bohrmaschinen faszinieren ihn. Sobald es ihm im Auto gelingt, sich aus dem Kindersitz zu winden, sitzt er grinsend hinter dem Lenkrad und imitiert Fahrgeräusche. Wenn seine große Schwester versucht, Streitigkeiten mit vielen Worten zu lösen, schlägt er zu. Er kann das, er war schon immer stabil gebaut. Sein Schlag ist jetzt schon legendär. Mit Teddys kann er wenig anfangen, aber den kleinen Mercedes, den ich ihm letztens mitgebracht habe, hat er sofort mit ins Bett genommen. Sein Lieblingsessen sind Grillwürstchen, am liebsten würde er sofort mitgrillen, wenn’s nicht auf Augenhöhe so heiß wäre, und das Frühstück in einem Luxushotel begann er tagelang mit Frikadellen und Bratwürstchen. Er klettert auf alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Das ginge ja noch, wenn er sich nicht anschließend von allem wieder herunter zu stürzen, ob da jemand steht, der ihn auffängt oder nicht.

Man muss jetzt nicht denken, dass er bei all dem nicht reizend ist. Verschmust bis dorthinaus ist der Knabe, mehr als seine Schwester, bis die Hummeln im Hintern wieder die Oberhand über ihn gewinnen. Fressen, Schlafen, Schmusen – wenn das keine typisch männlichen Sehnsüchte sind.

Ich kann mir das alles nicht erklären. Von seinem Vater kann er das Verhalten nicht geerbt haben. Der war im Sport eine Niete und las lieber ein Buch, als das er sich in irgendeine unbequeme Situation gebracht hätte. Der weiß heute noch nicht, wie man Elektronik repariert und wenn im Haus etwas kaputt geht, wartet man eben kollektiv auf den nächsten Besuch des Handwerkeropas.

Unsere geschlechtsneutrale Erziehung ist gescheitert. Bereits vor dem zweiten Lebensjahr, Die große Schwester entwickelt sich parallel. Ihre Lieblingsfarbe ist rosa, sie liebt ihre Babyborn und träumt schon jetzt von mindestens zwei Kindern. Allein die potentiellen Väter wechseln monatlich.

Wenn das Leben dir eine Zitrone gibt, mach Limonade draus. Ich habe mich jetzt konstruktiv mit der Situation arrangiert. Meinetwegen soll der Junge ein echter Kerl werden. Dann habe ich in sechzehn Jahren wenigstens jemanden im Haus, der mein Autor reparieren kann, der sich regelmäßig um den Garten kümmert und der mein sportliches Defizit zum Wohle der gesamten Volksgesundheit ausgleicht. Das Schlimmste, was mit jetzt noch passieren kann, ist, das er sich mit sechzehn entscheidet, Cello zu spielen und vielleicht auch noch anfängt Gedichte zu schreiben. Dann kann ich nur hoffen, dass unsere Tochter eine Mechatronikerlehre beginnt. Irgendjemand muss bei uns zu Hause doch Reparaturen durchführen können.