Um diese frühe Uhrzeit war der Zug richtig voll. Gerammelt voll, könnte man sagen, obwohl der Ausspruch schon ein Widerspruch in sich ist – gerade bei der Enge, nun ja.

Der Zug war kurz nach sechs Uhr in Lüneburg losgefahren und füllte sich mit jedem Halt. Er brachte Berufspendler nach Hamburg, die genau um acht Uhr an ihrem Schreibtisch in Hamburg sitzen wollten, oder mussten. Ein typischer Nahverkehrszug eben, laut und angeschmuddelt. Wenn man Glück hatte, funktionierte die Heizung im Winter. Wenn man kein Glück hatte, funktionierte sie im Sommer. Wenn die Heizung lief, konnte es passieren, dass sie sie so hoch eingestellt sei, als sei der Zug eine rollende finnische Sauna.

Ich hatte mich mit einem Buch in eine hintere Sitzreihe verkrochen. Meine Lektüre war eine Sammlung kurzweiliger Geschichten, nicht Schweres eben. Genau das Richtige für den frühen Morgen. Ich wollte mich von dem ganzen Trubel – im wahren Sinn des Wortes – nicht berühren lassen. Vor mir lag eine langweilige Fahrt, die Haltestellen konnte ich auswendig. Dass es heute ein wenig amüsanter werden sollte, konnte ich bis dahin noch nicht ahnen.

Also saß ich auf der genormten Zweierbank, deren Fußraum Passagieren über einmeterachtzig keine Beinfreiheit bieten wollte. Es sei denn, ich setzte mich quer. Das bin ich bis heute gewöhnt. Wer sich quersetzt, oder noch besser: querstellt, verschafft sich die meiste Freiheit. Ich saß also und vertiefte mich in mein Buch.

Am Haltepunkt Maschen waren fast alle Plätze besetzt, hier und da belegte noch eine Tasche einen freien Platz. Und wieder strömten dutzende Reisende in den Waggon. Mit fiel eine junge Frau auf. Sie mochte so Mitte zwanzig sein, trug enge Jeans und einen dicken Rollkragenpullover. Ihr Gesicht war hübsch, sehr feine Züge, besonders um die Nase. Sie hatte leicht gewelltes, brünettes Haar. Über der Schulter trug sie eine schwarze Umhängetasche aus Segeltuch. Mit ihr betrat ein junger Mann den Gang. An ihm fiel mir nichts Besonderes auf. Er war sicher genau so alt, wie die Frau und sah aus, wie junge Männer in dem Alter aussehen. Klamotten, wie die Models von H&M, nur das Gesicht ein wenig gewöhnlicher.

Auf einer Doppelbank, also sich zwei gegenüberstehenden Bänken, war noch genau ein Platz frei. Wie selbstverständlich nahm der junge Mann Platz. Die Frau schien das nicht zu stören. Zunächst versuchte sie, sich auf seinen Schoß zu setzen. Das funktionierte aber aus mir nicht ersichtlichen Gründen nicht. Ich saß am Fenster und musste so immer über und zwischen meinem zeitungslesenden Sitznachbarn schauen. Die junge Frau stand, lachend, wieder auf. Gerne hätte ich ihr meinen Schoß angeboten, aber ich saß eingezwängt.

Die beiden jungen Leute unterhielten sich fröhlich. Das Gespräch drehte sich um den Fahrplan, die Verspätungen und die Vorlesungszeiten. Ab und zu drehte sich die junge Frau um, und ich konnte ihr Gesicht studieren. Das war schöner, als die Kurzgeschichten in meinem Buch. Solche Aussichten frühmorgens sind doch herrlich.

„Das ist doch empörend!“ Eine kreischende, laute Frauenstimme.

Der Satz kam aus dem hinteren Wagenteil.

„Flegelt sich dahin, und das Fräulein muss stehen.“

Niemand reagierte.

„Sagen sie mal, das hätt’s doch früher nicht gegeben. Und das mit einer Dame.“

Jetzt drehten einige Reisende ihre Köpfe, um zu sehen, wer sich da so engagiert zeigte. Das junge Pärchen plauderte weiter.

„Hallo, sie da. Junger Mann, ich meine sie da vorne!“

Die Frau arbeitete sich durch den Gang nach vorne. Jetzt konnte ich sie sehen. Es war eine ältere Dame. Sie trug einen beigen Trenchcoat und eine beige Handtasche und sah so aus, wie man in einer kurzen Geschichte klischeehaft eine ältere Dame beschreiben würde. Sie rempelte sich durch den Gang, in dem ebenfalls Reisende standen. Als sie das Quareé erreichte, war der Lärmpegel im Zug wieder auf dem gleichen Niveau wie zuvor. Die Dame stellte sich vor das junge Pärchen und hob drohend ihre Handtasche.

„Junger Mann, jetzt hören sie mir mal zu. Was sie machen, ist unerhört.“

Jetzt blickte der Mann auf. Er lächelte. Die alte Frau schien das nicht zu beeindrucken.

„Ich will ihnen mal was sagen. Der Zug ist voll. Und sie kommen hier in Begleitung eines Mädels und bieten noch nicht einmal einen Platz an. So schämen sie sich.“

„Richtig. Bravo“ Applaus von der Waggontür. Ein Mitfünfziger in schwarzer Lederjacke klemmte sich die Collegemappe unter den angewinkelten Arm und klatschte in die Hände. Sein unrasiertes Gesicht grinste. Mein Banknachbar, in meinem Alter ungefähr, aber im Gegensatz zu mir mit stark geliertem Haar, hatte unterdessen seine Zeitung auf die Knie gelegt. Er schaute zu der diskutierenden Gruppe hinüber. Jetzt schaltete er sich ein.

„Was fällt denn Ihnen ein. Lassen sie doch die beiden in Ruhe. Gehen zurück in ihr Altenheim.“ Er schüttelte den Kopf und widmete sich wieder der Zeitung.

„Entschuldige dich gefälligst, du Lümmel.“

Ich erschrak. Der Mann auf der Bank hinter uns war aufgesprungen und rüttelte an der Lehne. Jetzt kam einer der Stehreisenden hinzu, ungefähr im gleichen Alter wie die schlagfertige Dame.

„Schämen sie sich!“ Er sprach die alte Dame an. „Da sind zwei friedfertige junge Leute und sie gehen drauf los. Kein Wunder, dass die die Kommunisten wählen.“

Die Dame, die den ganzen Skandal ausgelöst hatte, schaute ziemlich perplex drein. Auch den beiden jungen Leuten, die Anlass gaben, saßen (Er) und standen (Sie) mit offenen Mündern da. Jetzt drohte die Alte wieder mit ihrer Handtasche.

„Kommunisten?“ Mit dem anderen Finger zeigte sie auf den sitzenden jungen Mann. „Ich will dem jungen Gemüse nur Benehmen beibringen.“

Sie erhob die Tasche.

„Draufhauen, draufhauen“, skandierte jetzt der rechte Teil des Waggons.

„Gib‘s ihr! Los.“ Der linke Teil des Waggons war anscheinend auf der Seite des alten Herrn. Das junge Paar begann zu kichern. Langsam, stand der junge Mann auf. Er ging auf die alte Dame zu. Sie wich zurück, geradewegs in die Arme des Herrn, den sie gerade noch beschimpft hatte. Der hielt sie, fast zärtlich, mit beiden Armen fest.

„Wern- se-n-n-n-icht hand-greiflich jung-er Mann“, stotterte die Alte.

Der Junge ließ sich nicht beeindruckend. Er ging auf die Frau zu und griff nach ihren Armen. Dann zog er sie langsam an sich heran und drückte ihr einen kräftigen Kuss auf die Wange.

„War ne geile Fahrt, echt. Alles so authentisch. Das gibt’s heut’ kaum noch. Vielen Dank!“

Alle im Waggon applaudierten. Man war sich jetzt einig. Der Zug fuhr in den Hamburger Hauptbahnhof ein.

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