Auf einer kleinen Insel, die der Küste vorgelagert war, stand ein Leuchtturm. Die Insel war sehr karg. Sie bestand zum größten Teil aus Felsgestein. Dort, wo die Felsen Risse zeigten, wuchs etwas Gras. Wenn der Wind darüber pfiff, zitterten die Grasbüschel, sie wurden gebogen, hin und her gezerrt und unsanft wieder aufgerichtet. Neben dem Gras fanden sich, als einzige weitere Pflanzen, ein paar Moose auf der Insel. Auf und neben den Felsen lebten Möwen, Krebse und Igor, der Leuchtturmwärter.

Igor arbeitete hier schon sehr lange als Leuchtturmwärter. Aber jetzt war er sehr traurig. Igors Aufgabe war es, an jedem Abend, wenn es dunkel wurde, das Licht des Turms einzuschalten. Ganz oben auf dem Leuchtturm befand sich eine Kabine aus einem Glaszylinder, indem sich eine elektrische Lampe drehte. Sie beschien den Inselrand, das angrenzende Meer und ihre Leuchtkraft reichte bis zur Festlandsküste. Morgens schaltete Igor den Leuchtturm wieder ab. Nachts, war die Insel nicht zu sehen, nur die Lampe des Turms als ein Lichtpunkt, der kurz aufleuchtete und dann wieder von der Dunkelheit verschluckt wurde. Tagsüber war Igor damit beschäftigt, nun die Lampen des Leuchtturms zu putzen, die elektrischen Anlagen zu überprüfen und die Wetterdaten abzulesen. Hatte es in den vergangenen Stunden geregnet? Welche Lufttemperatur zeigte das Thermometer an und wie kalt war das Wasser? Wenn Igor ein wenig Zeit hatte, ging er zum Bootssteg hinunter und angelte. An diesem Bootssteg landete einmal in jeder Woche ein Schiff aus der Hafenstadt an. Es brachte Kartoffeln, Bohnen, Butter, Äpfel, alles das, was Igor in der Woche zuvor bestellt hatte. Igor bestellte das, worauf er Appetit hatte und was er sich eine Woche lang zu essen wünschte. Manchmal brachte das Boot auch Post. Aber das war sehr selten. Dem Schiffer lieferte Igor die Wetterdaten, die er in der Woche vor der Ankunft des Schiffes gesammelt hatte.

Igor war seit vielen Jahren Leuchtturmwärter. Er konnte sich selber kaum daran erinnern, wie er auf die Insel gekommen ist. Es war so lange her. Dazwischen lagen unzählige Winterstürme und warme Sommerabende. Igor gehörte zu der Insel wie de Leuchtturm, das Gras, das Moos, die Möwen und die Krebse. Trotzdem war er traurig. Der Leuchtturm bestand aus mehreren Etagen, die durch Treppen verbunden waren. In den unteren beiden Etagen hatte sich Igor eine kleine Wohnung eingerichtet. Es gab dort eine kleine Küche und eine gute Stube. Und wenn man die 23 Stufen der Wendeltreppe hinaufstieg, kam man in Igors Schlafzimmer in der zweiten Etage. Alle Zimmerwände waren rund. Und das war Igors Problem.

Igor war ein leidenschaftlicher Maler. Seit er auf der Insel lebte, malte er. Seine Motive waren immer dieselben. Igor malte den Horizont und die Wolken. Mal schaute er nach Westen. Dann malte er den Horizont im Norden. Manchmal auch den im Süden. Den Horizont im Osten malte er selten, weil er lange Zeit beim Frühstück verbrachte. Igor malte den Leuchtturm, er malte die Felsen, mit dem Gras und die Möwen. Immer die gleichen Motive. Trotzdem war jedes Bild anders. Wie kann das sein? Manchmal lag Schnee auf den Felsen, und der Himmel war grau und verhangen. Manchmal sahen die Federn der Möwen ganz zerzaust aus, manchmal glitzerte das fettige Gefieder in der Frühlingssonne. Auch der Leuchtturm veränderte sein Aussehen. Je nach Sonnenstand und Wetter war er ganz rot oder ganz orangefarben oder er sah grau und unscharf aus.

An manchen Bildern konnte Igor nicht nur das Wetter, sondern seine eigene Stimmung ablesen. Einige Bilder sahen so traurig aus, dass Igor beim Anschauen weinen musste. In anderen Bildern steckte Fröhlichkeit und Igor musste laut lachen, wenn er die Bilder sah. So laut, dass die Möwen ihre Köpfe zusammen steckten und mitlachen mussten. Niemand auf der Welt wusste darum, dass Igor in seinem Leben gerne malte. Vielleicht hatte der Schiffer eine leise Ahnung, wenn er sehen konnte. Manchmal wunderte er sich über die großen Pakete, die er anliefern musste. Das waren die Farben und die Leinwände für Igor. Obwohl alles gut in Packpapier eingewickelt war, hätte man sich denken können – wenn man wirklich sehen wollte – was dort verpackt war. Igor sammelte seine Bilder in einer kleinen Kammer im Keller des Leuchtturms. Es mussten schon weit über hundert sein.

An einem Donnerstag im April bekam Igor einen besonderen Brief. In Akadien wohnte ein Vetter Igors, der ihm einmal im Jahr einen Brief schrieb. Dieser Vetter war vor langer zeit ausgewandert. Er arbeitete in einer großen Stadt als Barmann. Jedes Jahr erzählte er von seinem Leben in Akadien, schrieb über die Gäste in seiner Bar und über die Dinge, die er neu erfahren hatte. Igor freute sich in jedem Jahr auf den Brief aus Akadien. Der Gruß brachte den Wind der weiten Welt übers Meer auf seine kleine Leuchtturminsel. Er öffnete den Umschlag, sog den Duft ein und träumte von Akadien. Mit einem Mal kam ihm seine Insel sehr klein vor.

In dem Brief, der an einem Donnerstag im April Igor erreichte stand etwas, dass ihm keine Ruhe ließ. Sein Vetter erzählte von einer großen Gemäldeausstellung in Akadien, erzählte von großen Bildern, die in einem Museum nebeneinander aufgehängt worden waren. Mehrere Tage hintereinander sei durch die Räume gegangen, sehr leise, um die Bilder nicht zu erschüttern. Vor den Bildern habe er fasziniert gestanden, sei mit den Augen die Striche entlang gefahren und manchmal, wenn der Aufseher weggesehen habe, konnte er mit den fingern über die hart gewordenen Strukturen tasten, die die Maler mit ihren Ölfarben auf der Leinwand hinterlassen haben.

Plötzlich musste Igor an seine vielen Bilder denken. Wie gerne würde er seine Bilder aufhängen, sie betrachten und betasten. Dann bräuchte er nicht mehr in den Keller hinabsteigen, die Bilder nach einander umzuklappen, um sie anzusehen. Igor fing an zu träumen. „Je nachdem“, dachte er „ob ich fröhlich oder traurig bin, kann ich meine Räume gestalten. Ich kann im Winter Frühlingsbilder aufhängen und im Sommer herbstliche Sonnenuntergänge. Wie schön wäre das… .“ Igor wurde traurig. Dann legte er den Brief zur Seite und kletterte die Treppen in den Keller hinunter. Einige seiner Bilder klemmte er unter den Arm und trug sie in seine gute Stube. Dazu nahm er einen Hammer und einige Nägel in die Hosentasche mit. Nun stand er in der guten Stube und überlegte, ob er die Bilder aufhängen konnte. Aber ach, es ging nicht! Die Wände waren rund, nirgendwo hielt ein Nagel und nirgendwo konnte auch nur ein Bild richtig aufgehängt werden. Igor wurde noch trauriger. Er stellte die Bilder auf den Boden, setzte sich auf sein Sofa und stützte den Kopf mit den Händen ab. Igor bekam große Sehnsucht nach seinen Bildern. Von diesem Tag an hatte Igor keine Freude mehr an seiner Insel und seinem Leuchtturm. Gewiss, er schaltete weiterhin am Abend ein und am Morgen aus. Zum Malen hatte er keine Lust mehr.

Eines Tages packte er seine Habseligkeit und seine Bilder zusammen und verließ die Insel. Das Postschiff brachte ihn zum Festland. Die Stelle als Leuchtturmwärter hatte er bereits gekündigt. Der Nachfolger landete mit dem gleichen Boot an, mit dem Igor anschließend die Insel – seine Insel – verließ. In der Hafenstadt angekommen, bezog Igor ein kleines Haus am Stadtrand. Wie freute er sich über die vielen Wände, an denen seine Bilder hängen konnten. Er saß auf dem Sofa, schaute auf seine Gemälde und träumte von der Insel, vom Leuchtturm, vom Gras und vom Moos, von den Möwen und von den Krebsen. All das fehlte ihm und wurde durch die Bilder lebendig. Igor hatte die Bilder um sich, aber keinen Sturm ums Hause, er sah die Sonnen auf den Bildern, aber keinen Sonneaufgang durch sein Fenster. Deswegen zog es ihn jeden Tag an den Deich. Igor blickte aufs weite Meer hinaus, sah den Horizont und träumte weiter, von der Insel, vom Leuchtturm, vom Gras und vom Moos, von den Möwen und von den Krebsen.

Eines Tages nahm Igor eine Staffelei mit, Leinwand, Pinsel und Farben. Er begann zu malen. Er malte eine Insel, einen Leuchtturm, Moos und Möwen. Spaziergänger kamen vorbei. Sie blieben stehen und sahen Igor bei der Arbeit zu. Irgendwann fragte ihn jemand, ob er das Bild haben könne. Igor schenkte es ihm. Bald kamen immer mehr Leute wegen der Bilder zu ihm. Sie gaben ihm sogar Geld dafür. Jeder nahm einen gemalten Leuchtturm, Felsenbilder und Möwenzeichnungen mit nach Hause. Keiner von den Menschen, die Bilder von Igor mit nach Hause nahmen, verstanden, was er malte. Da saß jemand auf dem Deich, blickte auf das blanke Meer und malte etwas, dass überhaupt nicht zu sehen war. Sie alle sahen nur das Meer, aber Igor sah etwas anderes. Seine Arbeit hatte sich herumgesprochen. Er galt als Künstler mit blühender Phantasie. Igor schwieg zu solchen Berichten. Seine Erzählungen waren seine Bilder. Wer ein Bild von ihm nahm, trug eine besondere Stimmung mit. Traurige kauften fröhliche Inselbilder, melancholische Menschen kauften eine Abendansicht des Leuchtturms, Kinder wollten möglichst farbige Bilder haben. Igor malte die Gefühle, die niemand sah in Motive, die niemand sehen konnte. Nur er selber wusste, dass es da draußen eine Insel mit einem Leuchtturm gab, den Ort seiner Sehnsucht. Mit seinen Bildern wollte er von seinem Traum erzählen und andere Menschen zu ihren eigenen Träumen anregen. Igor erzählte von seiner Welt, die er erfahren hatte und wollte Menschen ermutigen, auf ihre Sehnsuchtswelt zu hoffen. Vielleicht triffst Du Igor irgendwann bei seiner Arbeit auf dem Deich. Selbst wenn du nicht sehen kannst, was er malt, solltest du gut zuhören und darauf vertrauen, was Igor zu erzählen hat. Hinter dem Horizont gibt es eine Insel, auf der ein Leuchtturm steht. Die Insel ist sehr karg, aber schön. Auf ihr leben Moose, Gras und ein paar Möwen und wenn Du strahlst, erstrahlt auch die Insel in leuchtenden Farben.

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