Der Rabe O war im Wald geblieben nachdem aus dem Grauwald ein Buntwald geworden war. Das Leben war fröhlicher geworden, nicht immer leichter. Aber die vielen Farben an den Bäumen, Pilzen, Bänken und Wegen ermutigten die Tiere im Wald und die Menschen, die sich manchmal in den Wald begaben. Sie kamen nämlich nur selten hier hin. Den meisten Menschen waren die Bäume zu bunt, sie blieben lieber in ihrer schwarz-weißen Welt. Den Tieren war es recht. Sie waren unter sich und ungestört.

Eines Tages wurde die Ruhe im Wald gestört. Alle waren aufgeregt. Der Dachs tuschelte mit den Eichhörnchen, die Amsel flatterte auf und nieder, die Rehe lugten ganz vorsichtig durch die Weißdornhecken. Was war geschehen? Der Rabe O hatte von all dem nichts mitbekommen. Er saß in seinem Nestatelier und war gerade dabei, Holunderblüten für das Waldfest zu verzieren. Die Brille hing ihm im Gefieder. Es war warm und er hatte die Rabenkappe neben sich gelegt. Die Unruhe im Wald bekam er hier oben, in den Baumwipfeln, nicht mit. Mit einem Mal flatterte es in seinem Rücken, ein Windstoß wehte zur Nesttür herein. Die Walnusshälfte mit der blauen Farbe kippte um. Der Rabe erschrak, aber noch bevor er etwas sagen konnte, setzte sich etwas plump auf seine Malermütze. „Platsch“, machte es und der Rabe wusste, dass jetzt auch die Schale mit dem Wasser umgekippt sein musste.

„Wer war das?“, grummelte der Rabe und flügelte umständlich nach seiner Brille. Noch eher er sie zu greifen bekam, firpste von der Seite aufgeregt die Meise.

„Herr Rabe, Herr Rabe. Etwas Seltsames ist geschehen. Etwas Seltsames ist geschehen!“

„So, so“, sagte O, der Rabe. „Meine Farbtöpfe sind ausgekippt und jetzt tropft die ganze blaue Farbe auf das Moos da unten an den Baumwurzeln. Das ist Seltsames geschehen.“

„Viel schlimmer, viel schlimmer, Herr Rabe!“

Die Meise war immer noch ganz aufgeregt und flattert mit ihren Flügeln. Fast wäre auch die Schale mit der roten Farbe umgestoßen worden, wenn nicht der Rabe sie rechtzeitig weggezogen hätte. Er knurrte noch ein wenig.

„Bleiben Sie ruhig, Frau Meise und sagen mir, was denn passiert ist.“

„Auf der Lichtung, auf der Lichtung.“

„Was ist auf der Lichtung?“

„Da liegt ein Ei.“

Der Rabe lachte. „Wenn es mehr nicht ist. Es gibt viele seltsame Vögel hier im Wald und alle legen sie Eier.“

„Aber dieses ist riesengroß. Dieses ist riesengroß!“

Während Frau Meise das sagte, zeigte sie mit ihren Flügeln an, wie groß denn das Ei sei. Dabei stieß sie die alte Pommes-Frites Schale davon, die das Dach des Rabenateliers bildete. Die Schale segelte auf den Waldboden, die Sonnenstrahlen kitzelten den Raben, die Meise und blinkten in den verbliebenen Farbtöpfen.

„Jetzt ist gut, Frau Meise“, sagte der Rabe O. „Ich komme mit, bevor sie mir mein ganzes Nest zerstören.“

Der Rabe O und die Meise machten sich auf den Weg zur Lichtung. Dort angekommen, sahen sie eine große Menge Tiere, die sich bereits versammelt hatten. Selbst der Maulwurf war gekommen, obwohl er wahrlich nicht viel sehen konnte. Die Tiere hatten einen Kreis gebildet und in der Mitte des Kreises lag – ein großes, weißes Ei. So ein großes Ei hatte es hier im Wald in der Tat noch nie gegeben. Der Rabe bahnte sich den Weg durch die staunende und zitternde Menge. Er ging ganz nah an das Ei heran, fühlte die Schale. Dann nahm der die Brille vom Schnabel und ging noch näher an das Ei heran, so nah, dass er mit dem Schnabel die Schale berührte und es leicht pochte. Ein Aufschrei ging durch die Menge. Dann dreht sich der Rabe zu den Tieren um.

„Das ist ein klarer Fall. In dem Ei ist etwas drin.“

„Wie kommen wir daran?“, fragte der vorwitzige Dachs.

„Sollen wir es nicht lieber geschlossen halten?“, fragte die vorsichtige Amsel.

„Ich nehme es auch gerne mit in meinen Bau“, zischte die listige Ringelnatter.

Der Rabe hob einen Flügel, um die Menge zu beruhigen.

„Wir machen das, was wir gut können“, sagte er. „Wir leben im Buntwald, deswegen muss das Ei hier bunt werden. Nur mit Farbe können wir es zum Leben erwecken!“

Einige Tiere nickten. Ja, das könnte eine Lösung sein. Dass sie alle malen konnten, hatten sie bewiesen, als sie den Grauwald färbten. In den nächsten Tagen, sah man die Wildschweine wieder mit ihren Schwänzen pinseln, die Eichhörnchen besorgten Nussschalen, um die Farbe anzurühren, selbst die Ameisen hatten ein Fähnlein abgeordnet. Sie liefen erst durch die gelbe Farbe und dann über das Ei. Das gab hübsche Muster. Der Rabe O stand dabei, half, regte an, korrigierte. Als sie fertig waren, trafen sich wieder alle Tiere an der Lichtung. Das Ei war sehr schön geworden.

Jetzt hofften die Tiere, dass es platzen würde. Sie waren gespannt, was dann zum Vorschein käme. Sie warteten einen Tag und eine Nacht. Nichts passierte. Sie warteten zwei Tage und zwei Nächte. Nichts passierte. Zu Beginn der dritten Nacht hörte man ein leichtes Knäuspern. Die Rehe sprangen erschrocken zurück. Ganz oben an der Schale zeichneten sich feine Risse ab. Die Schale begann aufzuplatzen. Aber es dauerte noch die ganze Nacht, bis das Ei geöffnet war. Mit einem lauten „Ratsch“ brach die Schalle entzwei.

Die Tiere staunten, was sie dann zu sehen bekamen…..

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