Wie sehr hatte Tobias den Arm in die Höhe gereckt und Hier! gerufen. Die Rollen für das Krippenspiel wurden verteilt und endlich, endlich einmal wollte auch er richtig mitspielen. In all den Jahren zuvor blieb für ihn immer nur ein Schaf übrig. Entweder fanden die Erwachsenen, er sei zu klein. Oder aber seine beiden großen Schwestern sorgten dafür, dass ihr jüngerer Bruder in den Kulissen verschwand. Also schnappte er am Heiligabend sein Stofftierschaf, schlüpfte in die alte Schaffellweste, die an den Rändern schon etwas speckig war und setzte sich auf den grünen Teppich zwischen die Hirten und die anderen Schafe. Gerne wäre er während des Krippenspiels herum getollt. Schließlich stehen Schafe nicht immer still, dachte er. Sie fressen, raufen und laufen. Das hätte seiner Natur mehr entsprochen, als das bloße Rumsitzen, während Maria und Josef einzogen und der Engel eine Geburt ankündigte. Aber seufz, wenn er getobt hätte, dann gäbe es keine Chancen auf eine bessere Rolle im nächsten Jahr. Schon gar nicht auf eine Sprechrolle. Wer setzt schon ein zappeliges Schaf als Hirte, Wirt oder sogar Josef ein?

Für dieses Jahr hatte er sich also eine wichtige Rolle vorgenommen. Er überlegte hin und her. Der Josef hatte nichts zu sagen, und eine Sprechrolle sollte es wohl sein. Die Wirte mussten immer grimmig schauen, darauf hatte er keine Lust. Die Engel trugen oft Ballettröckchen. Erstens passten Tobias die Ballettklamotten seiner Schwestern nicht und zweitens wollte er die schon aus Prinzip nicht anziehen. Wäre ja noch schöner. Die hätten sich richtig über ihn lustig gemacht. Neinein, so viel Unabhängigkeit musste sein. Verwandtschaft hin oder her. Blieben also nur die Hirten übrig. Ausgerechnet die hatten aber kaum Text. Nur zwei Hirten mussten etwas sagen. Der erste sollte: Seht, da ist ein Stern! rufen und ein anderer: Kommt, lasst uns nachschauen, was da ist, antworten. Dieser Text schien ihm angemessen, und so hatte er sich vorgenommen, den zweiten Hirten zu spielen. Seine Schwestern hatten ihn bloß ausgelacht. Das Krippenspiel fanden sie mittlerweile „Baby“ und wunderten sich darüber, warum sie in den vergangenen Jahren noch ganz versessen darauf waren, Hirten und Engel zu spielen. Immerhin standen sie mit ihrer Einstellung einer Rolle für Tobias nicht mehr im Weg.

Schon im November wurden die Rollen vergeben. Maria war sehr beliebt, und es gab einige Tränen bei denen, die nicht zum Zuge kamen. Der Zorn wurde umso größer, als sich herausstellt, dass in diesem Jahr der dicke Theo die Maria geben sollte. Er hatte es sich so gewünscht und ja, warum sollte etwas dagegen sprechen? Schließlich war Theresa im vergangenen Jahr der Josef gewesen. Tobias wartete ab. Als die Hirtenrollen vergeben werden sollten, meldete er sich für den Wegweisenden an. Hm, hm, die Erwachsenen wiegten die Köpfe. Tobias bekam es mit der Angst. Sollte er schon wieder keine Sprechrolle bekommen? Nein, wenn es nichts wird mit dem Hirten, dann wollte er überhaupt nie mehr beim Krippenspiel mitmachen. Das war so klar wie Kloßbrühe.

Aber es kam anderes. Die Großen entschieden, dass Tobias sehr wohl einen sprechenden Hirten spielen sollte. Allerdings nicht den, der dir Hirten zum Gehen aufforderte. Das sei doch eher eine Rolle für einen Jungen von größerer Statur. Und Tobias, naja, der sei doch wirklich noch ein bisschen klein. Selbst, wenn der das etwas anders sah. Er war ja schon sechs!

Tobias bekam die Rolle des Hirten, der den Stern zuerst gesehen hatte. Eigentlich war er ganz zufrieden. Er hatte eine Rolle, er durfte sprechen. Alles war in Ordnung. Bis zum Morgen des 23. Dezember.

An diesem Morgen erwachte Tobias später als sonst. Die Augen waren schwer zu öffnen, der Mund fühlte sich trocken an und schmerzte. Die Nase lief. Eine schöne Erkältung hast du dir da geholt, sagte seine Mutter. Tobias wollte antworten, bekam aber nur ein Krächzen heraus. Ein Krächzen! Ein Tag vor Heiligabend! Einen Tag vor seiner Sprechrolle!! Tobias fing an zu weinen. Was sollte nur aus dem Krippenspiel werden? Das wird schon, sagte sein Vater. Wir haben ja noch zwei Tage Zeit. Etwas Tee, warme Socken, Wadenwickel und einen Tag im Bett. Bis morgen bekommen wir das schon wieder hin. Na prima, wunderbare Aussichten. Alles, was Tobias nicht mochte. Einen Tag im Bett, kratzige Wollsocken, Hühnerbrühe und heißen Tee und dann noch Wadenwickel. Aber die Rolle? Ja, dachte Tobias, dann muss es wohl sein. Dir Rolle muss gespielt werden. Und zwar von mir.

Den ganzen Tag musste er den Spott seiner großen Schwestern über sich ergehen lassen. Tobias lag im Bett und tat etwas, was für ihn äußerst ungewöhnlich war. Er lag still da und hielt einfach die Klappe. Das war angesichts der garstigen Schwestern nicht besonders leicht, aber der Rolle wegen sollte es sein. Heimzahlen könne er den beiden seinen ganzen Unmut auch noch in ein paar Tagen.

Und siehe da. Am Morgen des Heiligen Abends ging es Tobias schon wieder so gut, dass er mit Schlafanzug und Bademantel durch die Wohnung laufen konnte. Die Heiserkeit war fast verschwunden. Einen Satz würde er wohl sprechen können. Einzig der Schnupfen war geblieben, aber der würde sicher nicht besonders stören.

Gemeinsam ging es am Nachmittag zur Kirche. Anstelle des Lamms hatte Tobias einen Wanderstock von Opa dabei. Die speckige Fellweste musste er trotzdem tragen. Seine Mutter bestand darauf. Ein richtiger Hirte, so meinte sie, müsste eine Fellweste tragen. Seinen Anorak könne er ja in der Kirchenbank lassen; die Weste müsse sein. Tobias nahm das gelassen hin. Da er ja einen Satz sprechen würde, müsste alle merken, dass er in diesem Jahr ein Hirte und kein Schaf sei.

Das Krippenspiel begann. Die Kirche war durch Kerzen heimelig erleuchtet und die Orgel spielte Tauet Himmel den Gerechten. Gemächlich und doch mit Würde zogen Maria und Josef in die Kirche ein. Maria war in diesem Jahr ein bisschen größer als Josef. Aber mit dem blauen Umhang fiel das nicht besonders auf. Dem dicken Theo schien seine Rolle zu gefallen. Seine Wangen waren ganz gerötet. Den Text hatte er gut gelernt. Dreimal musste er die Wirte um Unterkunft fragen, dreimal würde er eine Absage bekommen. Josef müsste hilflos daneben stehen und dann den Stall herrichten. Für die Geburt war eine Puppe unter dem Stroh der Krippe versteckt. Theo würde sie hervor holen und der ganzen Gemeinde zeigen. Der Organist würde Kommet ihr Hirten spielen und ein weiterer Schauspieler einen Pappstern über der Krippe erheben. Dann käme Tobias Einsatz. So war es geplant.

Theo fragte die Wirte. Josef baute die Krippe. Der Organist spielte das Lied und der Stern ging auf. Die letzte Note war noch nicht ganz verklungen, da spürte Tobias ein Kribbeln in seiner Nase. Oh Mann, der Schnupfen. Den hätte er fast vergessen. Jetzt bloß nicht niesen. Tobias legte den Stock beiseite und begann, ein Taschentuch zu suchen. Papa hatte ihm extra eines eingesteckt, weil er dachte, dass Hirten mit triefenden Nasen kein besonders gutes Bild abgegeben würden. Tobias suchte und suchte. Aber die Weste hatte nun mal keine Taschen. Das Taschentuch steckte im Anorak. Definitiv. Und der Anorak lag bei Mama und Papa in der Bank.

Die Orgel war verklungen. Der Stern aufgegangen. Jetzt wäre Tobias mit seinem Text dran gewesen. Gerade hob er an, um auf den Stern hin zu weisen, da musste er so heftig niesen, dass die ganze Kirche widerhallte. Einmal, zweimal, dreimal. Und kein Taschentuch in der Nähe. Eine Katastrophe. So sah Tobias das. Jetzt, wo er mit seinem Text dran gewesen wäre.

Theo fackelte nicht lange. Er stand auf, drückte die Jesuspuppe Josef in die Hand und sagte: Hörst du das? Ein verschnupfter Hirte? Kein Wunder bei dem Mistwetter. Und bevor Tobias noch was sagen konnte, war Theo bei ihm, legte ihm den blauen Umhang um, putzte ihm mit seinem eigenen Schneuztuch die Nase und führte ihn zur Krippe. Hier ist es etwas wärmer, als draußen, sagte er. Du kannst über Nacht gerne bei uns bleiben. Die anderen Hirten schauten sich an. Was sollten sie jetzt sagen? Der Organist stimmte beherzt Stille Nacht an und die ganze Gemeinde begann zu singen. Etwas unschlüssig sahen die Hirten drein.

Theomaria kuschelte mit Tobias, Josef und der Jesuspuppe ganz eng an der Krippe und lächelte. Über sich und die anderen hatte er jetzt den blauen Umhang gelegt, dass es wahrlich friedlich und stimmungsvoll aussah. Was Weihnachten wirklich bedeutet, hatte die Gemeinde an diesem Abend wohl richtig zu sehen bekommen. Die wichtigste Rolle dabei spielte ein kleiner, verschnupfter Hirte.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.