Kennen Sie das? Kurz muss noch etwas eingekauft werden. Man stürmt den Laden, braucht einige Zeit, um in den unübersichtlichen Regalen, sagen wir mal einer Drogerie, etwas zu finden und steht dann an der Kasse. In der Schlange, natürlich. Und genauso natürlich hängt über ihnen ein rotes Schild mit einem ebenso roten Klingelknopf, der an eine Clownsnase erinnert. Auf dem Schild steht, wenn die Warteschlange zu lang sei, könne man läuten und umgehend! würde eine neue Kasse geöffnet. Haben sie jemals jemanden gesehen, der an diesem Klingelknopf gezogen hat? Ich nicht. Und wenn sie mal jemanden gesehen haben, was durchaus vorkommen soll, ich will übernatürliche Begebenheiten in unserer realen Welt nicht kategorisch ausschließen, wenn also jemand jemals geklingelt hat, ist dann jemand gekommen? Umgehend? Sehen sie.

Nun, ich stehe in der Schlange und warte. Hätte ich einen Großeinkauf getan und ganz viel Zeit, dann wäre an der Kasse keine Schlange. Jetzt aber stehe ich da mit einer Packung Toilettenpapier unterm Arm und vor mir gefühlte dreißigtausend anderer Kunden. Die meisten haben nur wenig in der Hand. Das beruhigt. Einzig eine Kundin hat den Einkaufswagen voll. Das wird wohl etwas länger dauern, denke ich mir. Ich versuche mich zu beschäftigen, aber es will nicht so recht gelingen. Seit sie im Kassenbereich wegen schreiender Gören keine Süßigkeiten und wegen strikter Nichtrauchergesetze keine Zigaretten mehr verkaufen können, ist es dort etwas langweiliger geworden. Die Kaugummipackungen jedenfalls sehen alle gleich aus.
Immerhin. Die Frau mit dem Mega-Einkauf ist jetzt durch. Vor mir nur noch eine ältere Dame und ein junger Mann, erstere mit etwas Lidschatten und Wattepads in der Hand, zweiter mit einem Deo-Roller. Das sollte doch schnell gehen. Denke ich.

Denkste.

Jetzt beginnt nämlich das eigentliche Abenteuer einer Kassenschlange: die Zahlungspraxis. Davon gibt es zwei Arten. Eine ist, naja, sagen wir mal, etwas old fashioned, die andere moderne, aber gleichermaßen nervig. Der Kassier nennt der älteren Kundin den Betrag, möglichst krumm, versteht sich. Vielleicht 7,83 €. Erst jetzt realisiert diese, dass der Einkauf ja recht eigentlich ein Wechselgeschäft ist und das bedeutet, dass man für die Ware, die man jetzt mit nach Hause nehmen möchte – also einen Eigentumswechsel vornimmt – etwas anderes dalassen muss. In der Regel Geld.

Männer tragen Geld, manchmal kleinere, manchmal größere Summe, eher in der Hosentasche, also im wahrsten Sinne des Wortes am Mann. Bei Frauen ist das anders. Ich zumindest habe noch niemals eine gesehen, die mit einem Griff einen Stapel Kleingeld hervorzauberte, dem Kassierer in die Hand drückte und „Passt schon“ sagte. Die Kundin vor mir macht das auch nicht. Sie schwingt ihre große bunte Einkaufstasche, die aussieht, als hätte sie diese zum Abo einer Zeitschrift dazu bekommen, auf das schwarze Laufband und sucht nach einer Geldbörse. Was heißt Geldbörse? Ist ihnen zudem schon mal aufgefallen, dass Frauen in Supermarktkassenschlangen gerne recht große Teile mit sich herumschleppen –ungefähr im Format C 6 lang – wenn sie wissen, was das ist. Um an das Kleingeld zu kommen, muss man diese Börsen aufklappen und dann einen langen Reißverschluss öffnen. All das passiert jetzt vor mir in der Schlange. Weil ich es besonders eilig habe, fängt die Kundin nun an, Kleingeld abzuzählen. „7,83 €?“, fragt sie. „Ja, 7,83.“ Der Kassierer bleibt unbewegt freundlich. Was soll er auch tun, er braucht ja das Geld. Die Kundin beginnt zu zählen. „Moment, das habe ich passend.“ Es dauert so einige Zeit, bis sie das Geld zusammen hat, um es zur Kasse hinüber zu reichen. Der Kassierer blickt kurz drauf und sagt emotionslos: „Das sind nur 7,82€.“ Oh, entschuldigt sich die ältere Dame. Schaut wieder ins Kleingeldfach, öffnet dann einen anderen langen Reißverschluss, fingert einen Zehn-Euro-Schein heraus und gibt ihn dem Kassierer. Der bongt, gibt Rückgeld und beide verabschieden sich.

Jetzt ist der Deo-Roller dran und ich bin davon überzeugt, es wird schnell gehen. Einen kleinen Wehmutstropfen trägt nun der Kassierer bei, der den Roller mehrmals über den Scanner ziehen muss, um den Preis einzubuchen. Vermutlich weiß er, dass das Deo 2,79 € kostet, aber wo kämen wir denn hin, wenn er den Preis eingeben würde. Einfach so. Wenn es das Schicksal ganz böse mit mir meinen könnte, würde auch das nicht funktionieren. Dann greift der Kassierer zum bereit stehenden Mikrofon, um sich nach der Marktleiterin zu erkunden. „Frau Walther, einmal an die Kasse bitte!“ Da Frau Walther ja schon nicht gekommen ist, um die zweite Kasse zu öffnen (achso, ich hatte ja gar nicht geklingelt), funktioniert das natürlich nicht. Er verlässt die Kassenzone, Frau Walther zu suchen. Das wäre der worst case. Heute klappts mit dem zweiten Scan.

„2,89 bitte.“
„Moment!“ Der junge Mann greift in seine Hosentasche. Bitte, wer sagts denn. So schnell geht Bezahlen heute. Zum Vorschein kommt aber kein Geld, sondern eine Karte. „Mit Karte, bitte!“ Das ist die moderne Art, die Schlange anwachsen zu lassen. Jetzt muss erst einmal die Karte in den Apparat gesteckt werden. Der erkennt erst beim dritten Mal, worum es sich handelt, und weil der Discounter auf Nummer Sicher gehen will, reicht auch keine PIN-Nummer. Oh nein! Wir wollen eine Unterschrift haben. Das dauert nämlich noch ein klitzekleines bisschen länger.

Ich habe mittlerweile länger an der Kasse als an den Regalen gestanden. Mit mir eine Packung Toilettenpapier für 1,79. Eine lausige Summe, angesichts vertrödelter Zeit. Warum sind wir nicht großzügiger? Warum zählen wir ab? Warum bestehen wir auf dem korrekten Rückgeld? Und, liebe Supermarktbetreiber, so einen Deo-Roller, den kann man doch auch durchgehen lassen, oder? Allein der volkswirtschaftliche Schaden, der dadurch entsteht, dass arbeitende Bevölkerung stundenlang an der Kasse warten muss, ist doch viel größer als der Umsatz für den Deo-Roller oder mein Toilettenpapier!

Vermutlich ist das mit Griechenland genauso. Wir bestehen auf dem korrekten Bezahlen und auf dem abgezählten Rückgeld. Während wir so stehen und warten, quasi an der europäischen Discounterkasse, hätte wir doch auch was Sinnvolles tun können. Den Deo-Roller, den hätten die Griechen dann auch so mitnehmen können. Aber was wahre Pfennigfuchser sind, bei denen geht nix ohne Warterei in der Kassenschlange.

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