Kurze Geschichten

Inga war schon zu Bett gegangen, als Victor an diesem Winterabend nach Hause kam. Inga kannte das. Sie waren jetzt seit gut fünfzehn Jahren verheiratet. In der ganzen Zeit hatte Victor ansprechende Jobs gehabt. Immer mit Personalverantwortung. Nach jedem Aufgabenwechsel mit steigender Umsatzsumme. Vor einigen Jahren war er an der Spitze angekommen. Vorstand. Endlich. Er brauchte das. Verantwortung, Macht, Herausforderungen. Dieses Mehr war der Motor seines Lebens. Dessen war er sicher in all den Jahren. Für das Einkommen der Familie war das natürlich einträglich. Die Kinder konnten beruhigt groß werden. Was sie brauchten, war da.

Victor war immer spät zu Hause. In den vergangenen Tagen war es noch später geworden. Der Jahresabschluss war zu tätigen. Die Bilanzen stimmten nicht in diesem Jahr. Der Aufsichtsrat zeigte sich unzufrieden. Mögliche Investoren konnten abspringen. Mehrfach waren in dieser Woche Aufsichtsratsmitglieder am Telefon.

Wir wollen verdienen.

Wir wollen Rendite machen.

Da muss mehr rausspringen in diesem Jahr.

Mehr, mehr, wir brauchen mehr. Vor allem brauchen wir mehr Wachstum. Verstehen sie das denn nicht? Es hat doch sonst immer funktioniert.

In jedem Jahr haben sie gute Ergebnisse abgeliefert. Wachstumsergebnisse. Und nun? Wir müssen ihnen doch nicht sagen, dass Null-Wachstum Rückgang bedeutet. Das können wir uns nicht leisten. Das wollen wir uns nicht leisten.

Sagen Sie Victor, hatte ihn der Vorsitzende in seiner nonchalanten Art gedrängt, kann man da nicht noch etwas machen? Ich sage nicht, Victor, dass Sie die Bilanzen frisieren sollen. Aber Aufträge? Können Sie nicht noch einen Auftrag zum Jahresende beibringen? Wenigstens Absichtserklärungen? Gute Aussichten für das neue Jahr. Gute Grundlagen für den Aktienkurs. Hauptsache, er steigt Anfang Januar wieder um ein paar Prozent. Dann sehen wir weiter. Die Shareholder, Sie wissen.

Victor wusste. Machen konnte er nichts. Die Zeiten waren nicht gut. In den vergangenen Jahren expandierte die Firma, die Ergebnisse waren exzellent und der Aufsichtsrat stolz auf ihn, den Vorstand. Der Aktienkurs war gestiegen, viele Menschen reich geworden. Für ihn bedeutet der Erfolg der anderen Arbeit, Arbeit, Arbeit. Siebzig bis achtzig Stunden in der Woche. Heuer war die Arbeit nicht weniger, nur der Erfolg blieb aus. Networking, Verhandlungen, geplante und geplatzte Kontrakte. Messen und wieder Verhandlungen. Nahost, Singapur, New York. Victor war in diesem Jahr auf nahezu allen Kontinenten unterwegs gewesen. Der Euro stand schwach und also müsste der Export gut laufen. Aber der Markt war gesättigt. Der Entwicklungsabteilung war es in diesem Jahr partout nicht gelungen, das neue Getriebe produktionsreif zu entwickeln. Mal stimmte etwas mit dem Material nicht, mal versagte ein Leistungstest. Im nächsten Jahr musste es gelingen, um sich neu zu positionieren. Besonders in China war das Interesse hoch.

Seit der chinesische Partner begonnen hatte, eigene Fertigungsstraßen aufzubauen, wurden die Komponenten seiner Firma grundsätzlich wieder interessant. Wenn es denn gelänge, sie an die Bedürfnisse der Kunden in Fernost anzupassen. Im vierten Quartal war es nicht gelungen, die magere Bilanz das Ergebnis. Victor war im Büro, bevor alle anderen da waren. Er wollte und musste seine Arbeit erledigen. Er wollte und musste ein Vorbild sein für das Management und die Produktion. Mit Argwohn beobachtete er, dass die jüngeren Kollegen, allesamt mit Auszeichnung promovierte Ingenieure, auf die Uhr blickten. Dass sie im Sommer schon vor Sechs nach Hause gingen, die Urlaubszeiten strikt einhielten. Viele verwiesen in Personalgesprächen mit ihm darauf, wie wichtig ihnen die Familie sei. Und etliche Male in diesem Jahr bekam er Absagen, wenn er Führungsposten in Aussicht stellte. Nein, hieß es dann. Auch auf das Mehr an Gehalt wolle man verzichten, wenn dadurch ein größeres Maß an Freiheit, an zeitlichem Spielraum erhalten bliebe.

Victor schaltete das Licht in der Küche an. Auf dem Tisch lag die Zeitung von heute. Ungelesen. In der Spüle das restliche Geschirr vom Abendessen. Der Stundenplan der Großen war auf den Boden gefallen. Victor hob ihn auf, befestigte ihn mit einem Magneten am Kühlschrank. Sein Blick fiel auf die Unterrichtsfächer. Werken, Musik, Religion. Seiner Meinung nach nahmen sie viel zu viel Platz ein. Er wusste, wie die Welt da draußen funktionierte. Victor kannte den Kampf um Zahlen und Wörter. Wer das bessere Angebot machte, bekam den Zuschlag. Wer mit seinen Worten die Agenda setzte, bestimmte den Benchmark. Menschen wie er bestimmten, wohin sich die Gesellschaft entwickelte.

Victor öffnete den Kühlschrank und zog die angebrochene Flasche Weißwein heraus. Er nahm ein Glas und goss sich ein. Prost Victor, sagte er halblaut vor sich hin und erhob das Glas gegen den Kühlschrank. Auf die Bilanz. Auf die Bilanz. Ein Glas. Noch ein Glas. Auf das Büro. Auf den Schreibtisch. Noch einmal auf die Bilanzen. Freiheit. War er frei?

Abwechslung in diesem Jahr brachte allein Caroline. Sie war neu als Controllerin gekommen. Intelligent und glasklar in ihrer Analyse. Victor musste zugeben, dass er mit Caroline lieber zusammenarbeitete, als mit allen anderen im Stab. Sie war kompetent. Aber da war mehr, was ihn anzog. Ihre Augen? Ihr Blick? Ihr Lachen? Eine Wärme, die er in ihrer Gegenwart zu spüren glaubte? Sie hatten einige Mal gemeinsam im Bistro um die Ecke zu Mittag gegessen. Nichts Ernstes. Nichts, worüber sich Inga Gedanken machen musste. Nichts, dass er Inga unbedingt von Caroline erzählen musste. Er brauchte Caroline. Sie war ein Anker im Büro an den Tagen, an denen es besonders schwer war. Was heißt schwer? Erfolg war sein Job. Er brauchte Ergebnisse, um zufrieden zu sein. Caroline bestätigte die Ergebnisse mit ihren Unterlagen. Vor allem bestätigte sie ihn. Mit ihren Augen? Ihrem Blick? Ihrem Lachen? Wie sie sich kleidete und gab?

Sie lebte allein. Manchmal schrieb sie ihm am Wochenende Mails aus dem Office. Dann hatte sie etwas entdeckt, dem am Montag nachzugehen wäre. Alles effizient und effektiv. Nur ihr Lachen, das passte nicht zu den Tabellen. Ihr Lachen kam von Ferne, war intensiv, sogar für ihn ansteckend. Ihr Lachen war, was Caroline anders machte. Ihr Lachen war ein Grund, sie einmal mehr als nötig in sein Büro zu rufen, ein Grund, mit ihr den Mittagstisch im Büro einzunehmen. Victor brauchte Carolines Lachen.

Seine Familie, nein, die musste das nicht belasten. Die funktionierte. Inga managte. Was die Familie betraf, war sie eine prima Organisatorin. Warum sollte er daran denken, dass andere Frauen, dass Caroline, besser zu ihm passen konnte. Dass sein Leben sich anders gestalten könnte? Victor brauchte Inga, damit das Fundament seines Lebens funktionierte.

Victor hatte die Schuhe ausgezogen, ohne die Schnürsenkel zu lockern. Er zog die Krawatte ab und legte sie neben die leeren Brotdosen der Kinder. Die Küchenlampe gab einen schwachen, künstlichen Schein. Victor trank ein weiteres Glas Wein. Dann stand er behäbig auf, löschte das Licht, tastete sich durch die Diele, die Treppe hinauf, ins Schlafzimmer. Ingas Atem ging ruhig und regelmäßig. Ohne sich auszuziehen, legte sich Victor auf seine Seite des Bettes.

Durch das Fenster des Schlafzimmers leuchtete die Straßenlaterne. Kalt war es da draußen. Eisesnacht, Raunacht. Morgen würde Sylvester sein, der 31. Dezember. In diesen Nächten erinnert sich die Erde des vergangenen Jahres. Die Seele der Welt erinnert sich wie sich die Seelen der Menschen erinnern. An das Leben, an die Bilanzen, die Seelenbilanzen. Was braucht die Seele? Der Arbeitstag ist also keine konstante, sondern eine variable Größe. Einer seiner Teile ist zwar bestimmt durch die zur beständigen Reproduktion des Arbeiters selbst erheischte Arbeitszeit, aber seine Gesamtgröße wechselt mit der Länge oder Dauer der Mehrarbeit. Der Arbeitstag ist daher bestimmbar, aber an und für sich unbestimmt.

Was ist die Arbeit, was ist das Leben? Vor allem, was ist das Ziel? Was brauche ich, was brauchen die Kinder? Was braucht Inga, was braucht Caroline? Caroline. Inga. Was braucht die Welt? Wir brauchen Wachstum. Wohin und wofür? Die Produktion. Das Lachen. Die Ergebnisse. One who is master of all his exercises has no aversion to measure his strength and activity with the strongest

Victor begann, sich in den Kissen hin und her zu wälzen. Über ihm öffnete sich der klare, kalte Himmel voller Sterne. Er spürte den eisigen Wind, ein Hauch des Leidens oder ein Hauch des Heils? Er weht nach Süden, dreht nach Norden, dreht, dreht, weht, der Wind. Weil er sich immerzu dreht, kehrt er zurück, der Wind. Der Mond beleuchtete die Felder, ein Rinnsal schwoll zu einem Bach, ergoss sich an einem kleinen Wasserfall in einen Fluss. Das Wasser war klar wie Eis. Alle Flüsse fließen ins Meer, das Meer wird nicht voll. Zu dem Ort, wo die Flüsse entspringen, kehren sie zurück, um wieder zu entspringen. In dem Fluss spiegelten sich der Mond und die Sterne. Sie funkelten, die blitzen, wie die ständig sich verändernden Ziffern auf den Anzeigentafeln im Börsensaal. Alle Dinge sind rastlos tätig, kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet, nie wird ein Ohr vom Hören voll. Das Firmament öffnete sich wie ein Tor, doch dahinter war nichts.

Victor schrie kurz auf, angesichts der Leere, in die er blickte. Dann verwandelten sich die Sterne. Sie wurden zu binären Ziffern. Eins, null, einsnullnull. Eins. Inga schlief tief und fest. Der Schatten eines großen schwarzen Vogels verdeckte den Mond. Er zog seine Kreise und verstärkte mit seinem Flügelschlag den Eishauch des Windes. Victor fröstelte. Am Horizont, unter dem aufgerissenen Firmament, zogen Tiere entlang, die er noch nie gesehen hatte. Dunkle Schattenwesen, die ihn zurückzucken ließen. Beinahe hätte er erneut aufgeschrien. Im letzten Moment stopfte er sich einen Zipfel der Bettdecke in den Mund, so, wie er es als Kind immer getan hatte, wenn er sich ängstigte. Er krümmte sich. Wie er wohl war, als Kind? Was die Kinder von ihm übernommen haben? Er wusste es nicht, nicht jetzt. Angesichts der vielen Wesen fühlte er sich einsam und allein. Wut packte Victor, und er versuchte, nach den Sternen zu greifen und den Vogel zu verscheuchen. Er versuchte, die Zahlen zu verwischen. Er führte einen Kampf gegenetwas, dass ihm nicht begreifbar war. Das Wasser versiegte und der Himmel verdunkelte sich. Die Sterne verschwanden, die Tiere waren immer schwächer zu sehen. Dann sah er sich. Ganz deutlich. Das Firmament brach auf, ganz auf. Zwei große Torflügel öffneten sich, bis sie aus den Angeln fielen. Sein Gesicht verschwand. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit.

Jetzt sah Victor gar nichts mehr. Nach seinem Antlitz, nach dem Zahlen, kam – nichts. Einsamkeit umfasste ihn. Er versuchte aufzustehen, wollte ans Fenster. Aber sein Körper versagte sich seinen Befehlen. Nichts funktionierte mehr. Er funktionierte nicht mehr. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Victor begann zu weinen. Er weinte so, wie er seit der Kindheit nicht mehr geweint hatte. Das war ein leises, tiefes Weinen. Die Tränen verwischten das Dunkle am Firmament und sie begannen sanft zu leuchten.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich’s stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. Ruhe gibt es. Raue Ruhe. Nichts bewegte sich mehr. Victor lag.

Ruhe gibt es nicht!

Bis zum Schluss!

Ruhe gibt es. Ruhe sanft.

Sein Atem ging regelmäßig.

Ruhe. Ruhe. Ich brauche Ruhe. Ich brauche Ruhe.

Das Fiepen des Weckers um sechs Uhr in der Früh überhörte Victor.