Kurze Geschichten

Die große Anzeige über mir ändert sich ständig. Züge werden angekündigt, Verspätungen angezeigt und die Gates bekannt gegeben. Mein Zug geht in siebzehn Minuten. Die Wartehalle von Euston Station ist übervoll. Hier fahren die britischen Inlandsbahnen und mir scheint, als sei an diesem Montagmorgen halb London auf dem Weg in de Midlands. Die wenigen Sitzplätze sind eh alle belegt. Es gibt kaum noch eine Möglichkeit, sich auf irgendwelche Geländer, Stangen oder Ähnliches zu setzen. Draußen regnet es. Also heißt es stehend warten.

Ich habe eine Fahrkarte nach Holyhead gelöst. Von dort will ich auf eine Fähre nach Dublin umsteigen, um für ein paar Tage bei Fred unterzukommen.

Ich musste raus. Leila habe ich heute früh einen kleinen Zettel hingelegt, die Rückseite einer Einkaufsquittung. Ich bin weg, für ein paar Tage. Oder mehr. Habe ich darauf geschrieben. Die ganze Sache war spontan, nicht geplant. Aber nach dem gestrigen Abend habe ich die ganze Nacht wach gelegen. Ich hatte Sorgen. Nein, wir haben uns nicht gestritten. Mein Leben kam mir so ereignislos vor. Wenn wir uns nur gestritten hätten.

Gestern Nachmittag waren wir noch kurz draußen gewesen. Es war kalt, wie es kalt ist in London im Dezember. Am Abend waren wir noch irgendwo in Cambden unterwegs, wo genau, ich weiß es nicht. Das Essen war leidlich. Zu besprechen gab es kaum was. Schmeckt es? Ja, vielleicht noch etwas Salz dazu. Und? Und was?

Leila und ich leben seit fünf Jahren zusammen. Kennen gelernt haben wir uns über Freunde, wie das halt so ist. Man kommt alleine zu einer Party, steht mit jemandem zusammen, der ebenfalls alleine ist, man spricht, man versteht sich. Man verabredet sich. Ganz ehrlich, das war alles so unspektakulär, genauso unspektakulär, wie die Jahre seitdem. Leila hat ihren Job, ich habe meinen. Die Unterschiede zu früher bestanden lediglich darin, dass wir uns die Wohnung teilten und auf Partys nicht mehr alleine gingen. Ach, ihr Zwei, ihr seht ja so nett aus, richtig glücklich miteinander, was?

Glück, was heißt das schon? Ist Glück der Zustand ewiger Zufriedenheit? Wenn ich täglich die Wohnungstür aufschließe, täglich die Bilder sehe, die mir gefallen, die Gegenstände, mit denen ich eine Geschichte verbinde, die Frau, die sagt, sie liebe mich?  Ist Glück ein besonderes Gefühl, das nicht alltäglich ist? Nicht alltäglich wie die Liebe, die Gegenstände, die Bilder? Oder bleibt vom Glück nur die Abwesenheit von Pech übrig? Ist Liebe Glück oder ein biologischer Normalzustand? Wo liegt die Grenze zwischen Glück und Gewöhnung?

Ich konnte mit dem Begriff Glück nie etwas anfangen. Alles auf der Welt ist erklärbar. Entweder unterliegt es biologischen, psychologischen oder physikalischen Gegebenheiten oder es ist schlicht Zufall. Das Zusammenleben von Mann und Frau hat ganz verschiedene Ursachen. Glücklich könne eigentlich nur derjenige sein, dem der Zufall ein menschliches Gegenüber zugeteilt hat, damit man nicht alleine leben musste. Das Leben zu Zweit ist schon ökonomischer. Emotionale Menschen mögen das Liebe nennen. Aber Glück? Genau genommen war mir der Zustand des Glücks, sollte es ihn überhaupt geben, etwas peinlich. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich als glücklich zu bezeichnen. Zufrieden, ja, das konnte ich so sagen. Glücklich zu sein hätte für mich bedeutet, Ansprüche aufzugeben und gegenüber meinen Mitmenschen zu triumphieren. Schaut her, ich bin glücklich und ihr nicht. Also habe ich den Begriff nie im Mund geführt. Überhaupt: Könnte nicht der Ausspruch, glücklich zu sein, den Anfang vom Ende bedeuten? ‚Heute bin ich glücklich‘ zu sagen, das ist wie ein Höhepunkt, nach dem es unabdingbar wieder bergab geht. Glücklich zu sein bedeutet für mich, die Zerbrechlichkeit des Lebens einzugestehen. Denn, wer glücklich ist, wird zwangsläufig unglücklich werden. Ich habe kein Glück, ich brauche es nicht.

Mit Leila habe ich da nie drüber gesprochen. Wir lebten unser Leben, jeder für sich und zusammen, wo es sinnvoll und angenehm erschien. Tag für Tag, Jahr für Jahr, Monat für Monat. Jeder für sich. Ich weiß nicht, was für Leila Glück bedeutet. Vielleicht, habe ich mir manchmal gedacht, ist der Normalzustand für sie das, was andere Glück nennen. Für mich war dieser Normalzustand etwas wie ein Fehlen.

Virgin Train nach Chester wird auf Gleis sieben aufgerufen. Ich nehme mein Gepäck und gehe die Rampe hinunter zum Bahnsteig. Der Zug steht bereit. Vor der Tür steht eine Schaffnerin und kontrolliert meine Fahrkarte. Zwei Stunden dauert die Fahrt nach Chester. Nachdem der Zug den Großraum London verlassen hat, wird die Landschaft eintönig. Vor den Fenstern leicht neblige, blassgrüne englische Parklandschaft. Ich schlafe ein.

Vor ein paar Monaten habe ich Mary kennen gelernt. Ich war für eine Woche businnessmäßig bei einem Kongress in Brighton. Mary fiel mir unter den vielen Teilnehmerinnen auf, weil sie Ausstrahlung hatte. Mit ihrer Figur, der etwas ungepflegten Frisur und einem Brillengestell, das überhaupt nicht zu ihr passte, stand sie abseits der Aufmerksamkeit. Sie bearbeitete ihre Papiere, machte sich Notizen, stellte aber keine Fragen in die Runde. Beim Essen und abends an der Bar saß sie unauffällig dabei. Nach drei Tagen sind wir bei einem Cocktail ins Gespräch gekommen. Ich mochte ihre Art, fand sie schön. Vielleicht, weil sie so geheimnisvoll war, ja, ihre Zurückhaltung war ihr Geheimnis. Mit ihr hätte sich was ergeben können in Brighton. Die Zimmer waren kahl und kalt. Zu Zweit, wären die Nächte angenehmer geworden.

Wir saßen fortan jeden Abend zusammen und unterhielten uns. Insgeheim hoffte ich auf eine Chance in der letzten Nacht. Der Abend begann nett, wir aßen, sprachen diesmal viel über Privates. Dass sie in einer festen Beziehung lebte, wusste ich schon, war mir aber egal. Jetzt sprach sie ausführlicher über sich und ihren Partner. Sprach über die schönen und schwierigen Tage. Aber, so sagte sie, da muss man durch. Meinst du nicht? Man muss sich zusammenraufen, um zusammenzubleiben. Es geht so viel kaputt um uns herum. Da wusste ich, dass ich keine Chance bei ihr hätte. Kann Zusammenraufen glücklich machen?

In Chester steige ich aus und wechsle den Bahnsteig. Der Zug nach Wales sieht aus wie eine Sardinenbüchse auf Rädern. Die Beschriftungen im Innenraum sind auf walisisch, selbst die Warnhinweise. Ich hoffe, dass auf der Fahrt nichts passiert und jemand die fremden Wörter entziffern muss. Oder aber, dass genügend Waliser an Bord sind, um die Rettungsarbeiten zu koordinieren. Wenn wir Glück haben.

Der Zug ist voll. Neben mir eine ältere Dame, die während der Fahrt immer wieder einnickt. Mein Blick fällt auf eine junge Frau, schräg vor mir. Sie mag Mitte Zwanzig sein, hat glattes brünettes Haar. Gekleidet ist die robust, Outdoorjacke, Jeans, Hikingschuhe. Ihre Gesichtszüge sind fein und ebenmäßig. Auffallend sind ihre starken und dunklen Augenbrauen, die ihrem Gesicht einen herben Ausdruck verleihen. Sie liest. Ich brauche eine Zeit, um den Titel zu entziffern. Der Zug fährt durch die Hügellandschaft im Norden von Wales. Wir halten an vielen kleinen, mir unbekannten Bahnhöfen. Passagiere steigen aus, steigen ein. Die junge Frau gegenüber liest. Scheinbar kann sie nichts ablenken. Ab und zu rückt sie ihre Sitzposition zurecht. Ich sehe den Buchumschlag. Irgendwas zur Neurobiologie. Ich erkläre sie zu meiner Seelenverwandten. Sicher ist sie Naturwissenschaftlerin, die für eine Arbeit in die etwas unwirtliche Gegen hier unterwegs ist. Der Zug fährt an den Carneddau Mountains vorbei, die Schienen direkt am Strand. Ich sehe den blauen Himmel über einer  aufgewühlten irischen See. Forscherin Unbekannt liest.

Nicht nur ihr naturwissenschaftliches Interesse zieht mich an. Ihr Gesicht, ihr Blick, ich nehme mir vor, sie auf der Fähre anzusprechen, mit der sie gewiss gleich mir fahren wird.

Der Zug fährt in den Bahnhof Bangor ein. Fünfundzwanzig Meilen sind es noch von hier bis Holy Island. Meine unbekannte Reisebekanntschaft steht auf. Sie greift nach einer blauen Jacke in der Gepäckablage, stopft das Buch recht grob in ein Daypack und verlässt den Waggon. Ich sehe ihr nach, mag mir meine Enttäuschung nicht eingestehen. Mir fällt ihre hohe Körpergröße auf. Ich sehe, wie sie auf den Bahnsteig tritt, in der einen Hand die Jacke geknüllt, in der anderen Hand den Rucksack, noch offen. Sie blickt um sich. Dann, als wären ihre Bewegung wie von Zeitlupe verlangsamt, geht sie, nein: läuft sie auf einen jungen Mann zu. Offenes, langes und zotteliges Haar, ebenfalls wetterfest angezogen. Drei-Tag-Bart. Sie fallen einander in den Arm, inniglich, verbunden, so als wollen sie sich angesichts der kühlen Temperaturen am anderen wärmen. Die Umarmung dauert lange. Der Zug steht, so als ob er warten würde, so, als ob die Zeit angehalten würden. Jetzt nimmt er ihren Kopf zwischen seine Hände und küsst sie. Immer wieder. Stehen zwei am Rande Europas und umarmen sich inniglich. Glückbegabt. Der Zug fährt an. In sechzig Minuten legt meine Fähre ab.

Holyhead begrüßt mich mit blauem Himmel und Sonnenschein, nur der Wind, der kräftig von See weht, ist empfindlich kühl. Die Palmenblätter am Hafen zittern, von den Temperaturen, vom Wind, von beidem.

Etwas verloren gehe ich über die moderne Hafenbrücke in die Stadt. Sehe die alte Kirche, die jetzt verschlossen ist, sehe die Menschen, die nach der Arbeit mit gesenkten Köpfen nach Hause hasten. Frage mich, wo das Glück ist. Ob ich es in London gelassen habe, oder in Bangor gesehen habe? Ob ich nur deswegen kein Glück empfinde, weil ich keines habe. Keines sehe?

Ich checke ein. Trotz der sechs Beauforts wird der Katamaran ablegen. Dublin erwartet mich. Die graue Stadt, die seit Jahrhunderten nicht versprechen kann, die Menschen glücklich zu machen. Wer sein Glück finden wollte, verließ die Stadt nach Westen, nach Amerika, oder nach Osten, nach Norwegen. Am Liffey war nie Glück zu machen. Sollten sich die Zeiten glücklich anfühlen, wie zu Beginn des großen Internetbooms vor ein paar Jahren, dann waren sie gewiss wie eine Blase, die aufbrach und nach der es umso schwieriger wurde.

Ich verlasse die Fähre. Dunkler Abend liegt über dem Hafen. Ich gehe, müde, die Gänge des Terminals entlang. Mein Gepäck, so leicht, trage ich bei mir. Zoll und Polizei interessieren sich nicht für mich. Vor der Halle steht ein blaugelber Doppeldeckerbus, eine Extrafahrt zum Busbahnhof. Ich steige ein. Der Fahrer verlangt das Fahrgeld passend, zum Einwurf in einen metallenen Kasten an der Fahrerkabine. Ich nicke, sage, dass ich nur Scheine dabei habe. No problem, sagt der Fahrer in dem etwas hohl klingenden Dialekt der Iren. Im Terminal sei ein Wechsler für Münzgeld. Er warte auf mich.

Ich gehe in den Terminal zurück, finde den Automaten, wechsle. Und wie ich mich umdrehe, um den Weg in die Stadt endgültig anzutreten, fällt mein Blick auf den Boden. Vor mir liegt, kupfern leuchtend, ein Ein-Cent Stück. Über mir leuchtet ein Shamrockplakat.