Kindergeschichten

Der Stern war selbst in Babylon zu sehen. In der königlichen Sternwarte beobachteten die Gelehrten schon seit Tagen dieses besonders helle Licht in Nordwest. Man befragte die alten Schriften und die Gelehrten, wie das Himmelszeichen zu deuten sei. „Der Stern“, so beschied ein besonders gelehrter Alter, „weist bestimmt auf einen neuen König. Einen reichen König der Armen. Der Stern ist hell, aber sonderbar“

Die anderen Wissenschaftler mochten sich so recht keinen Reim auf die Worte des Alten machen. Oft sprach er in Rätseln und so mochte auch dieser Spruch ein Rätsel sein. Allein der Augenschein konnte die Wahrhaftigkeit des Spruches beweisen oder widerlegen. Wenn der Stern auf die Geburt eines Königs wies, musste der König zu finden sein.

Drei der Sternbeobachter wurden ausgewählt, sich auf den Weg zu machen. Sie erhielten zwei Kamele als Tragetiere und vier Diener zur Begleitung. Man verabschiedete sich von Ihnen ohne Wissen, wann sie wieder zurückkehren würden.

Tage- und nächtelang waren die Sieben unterwegs. Immer wieder prüften sie, ob sie noch auf dem richtigen Weg waren. Es war ihnen, als bewegte sich der Stern, sie vermochten keinen wirklichen Standort festzulegen. Also zogen sie weiter in Richtung der Levante.

Die Gelehrten überschritten die Grenze des römischen Reiches und betraten Palästina. Römische Soldaten und Zöllner, die sie an den Grenzen kontrolliert hatten, ritten nach Jerusalem voran und meldeten dem König Herodes den hohen Besuch.

Im Palast entstand Hektik. „Hoher Besuch“, wurde geflüstert. „Aus dem Osten“, hieß es. „Sie kommen aus Mesopotamien.“ Der König war beunruhigt. Was wollten die Botschafter von ihm? Bedeutete ihr Auftauchen Krieg oder sollten Verhandlungen geführt werden. Herodes beriet sich mit seinen Ministern, schickte einige von ihnen zum römischen Statthalter, um diesen zu befragen. Aber niemand konnte eine Antwort geben.

Aus Jerusalem startete wenig später ein Trupp berittener Krieger, den fremden Gesandten entgegen. Sie trafen diese kurz vor dem Stadtrand.

„Werte Fremde. Wir grüßen euch von unserem König Herodes!“

Die drei Gelehrten verbeugten sich. Ihre Diener hielten die Tragetiere und standen ein wenig abseits.

„Wir wünschen euch Frieden“, sagte der erfahrenste der Drei.

Auch die Soldaten verbeugten sich. „Unser König Herodes lässt euch sagen, dass ihr zu Gast in seinem Palast sein sollt. Kommt, wir bringen euch hin.“

Die Gelehrten freuten sich. Sie hatten von einem König gehört und schon trafen sie die Abgesandten eines Königs. Die Weissagung musste richtig sein. Der Stern, dem sie hinterher gezogen waren, stand nun still. Jerusalem musste der Ort sein, an dem sich sein Geheimnis lüftete.

Im Palast wurden die Gelehrten groß empfangen. Herodes und sein ganzes Gefolge bemühten sich um sie. Es gab Empfänge und Essen, politische Gespräche, Tanz und Gesänge.

Eines Abends saßen die drei Babylonier in ihren Gemächern zusammen.

„Ich finde es ganz schön hier“, sagte der erste. „Alle sind nett zu uns.“

„Ich finde es angenehm hier im Palast“, sagte der zweite.

„Das stimmt“, sagte der dritte. „Aber wir haben nichts herausgefunden. Alles ist wie bei uns. Es gibt einen König der, wie das unter einer römischen Besatzungsmacht geht, das Land regiert. Da sind Politiker, Günstlinge und Höflinge, die Macht spielen und Intrigen spinnen. Die nur auf ihren eigenen Vorteil schauen, nicht auf die Menschen. Das alles gibt es bei uns auch. Was ist also das besondere?“

„Hier ist nichts besonderes“, sagte der erste Gelehrte.

„Der Stern ist immer noch da.“

„Also“, sagte der dritte, „haben wir den wahren König noch nicht gefunden.“

Sie berieten sich und entschieden, dass einer von ihnen, der jüngste, sich verkleidet aus dem Palast schleichen sollte, um über den Basar und durch die Gassen zu ziehen und etwas über den wahren König herauszufinden.

Eines Abends machte sich de jüngste Gelehrte auf den Weg. Er legte seine vornehme Gewänder ab und das grobe Tuch der Hirten an, die aus der Wüste in die Stadt kamen, um Handeln zu treiben. Die beiden anderen wollten im Palast warten. Sie warteten einen Tag und sie warteten zwei Tage. Am dritten Tag waren sie sehr traurig und glaubten, der junge Gelehrte habe sich verlaufen oder sei gar gestorben. Am Abend des dritten Tages kehrte der Gelehrte zurück und erzählte seine Geschichte.

Auf dem Basar, so sagte er, habe er einige Hirten getroffen aus der Gegend von Bethlehem. Das sei ein unwirtlicher Ort, nicht weit entfernt von der Hauptstadt. Der Kaiser Augustus im fernen Rom habe eine Volkszählung angeordnet und alle Einwohner mussten zu ihrem Geburtsort zurückkehren, um sich in Steuerlisten eintragen zu lassen. Deswegen war ein junges Paar, Josef und Maria nach Bethlehem gekommen. Die Frau war schwanger und doch gelang es ihnen nicht, ein Zimmer bei einem Gastwirt zu bekommen. Alles war belegt, weil alle Menschen wegen der Volkszählung auf den Beinen waren. Das Kind war dann in einer Futterkrippe geboren, in einem Stall, weil für die Familie sonst nirgendwo Platz gefunden hatte.

Jetzt wurde der Erzähler ganz ernst und senkte seine Stimme. Die beiden anderen Gelehrten mussten sich zu ihm beugen, um ihn zu verstehen. Dann, so fuhr er fort, in der Nacht, als das Kind geboren wurde, hätte der ganze Himmel gestrahlt. Engelwesen seien auf den Feldern rund um Bethlehem sichtbar und die Hirten hätten mächtig Angst gehabt. Ein Engel habe dann die Geburt eines Königs verkündet und die Hirten aufgerufen, zum Stall nach Bethlehem zu gehen. In dem Ort hätten die Hirten dann den ärmlichen Stall gefunden, eine Frau und einen Mann und das Kind. Da sei eine ganz merkwürdige Stimmung gewesen.

„Der König“, sagte der älteste der Gelehrten.

„Ja“, sagte der zweite. „Das ist er. „Wir mussten nicht nach Jerusalem, sondern nach Bethlehem ziehen.“ Die anderen nickten.

Noch am selben Abend ließen sie sich zu Herodes führen. Dem erzählten sie von der Begegnung mit dem Hirten und berichteten von ihrem Entschluss, sofort zu diesem Ort aufzubrechen. Das sei ihr Auftrag. Herodes hörte interessiert zu. Während sie berichteten, bekam er Angst. Was wäre, wenn in Bethlehem wirklich ein Königssohn geboren wäre? Das ist eine Konkurrenz für meine Dynastie, sagte Herodes zu sich.

„Liebe Gelehrte“, sagte er nun. „Geht nach Bethlehem. Ich kann mit meiner Stellung nicht in dieses Kaff gehen. Aber wenn ihr dort gewesen seid und mir bestätigt, dass dort ein König geboren wurde, dann will ich wohl auch hingehen und meine Aufwartung machen.“ Er entließ die Gäste und versetzte einen Trupp Soldaten in Alarm, so dass sie jederzeit nach Bethlehem ausrücken könnten, um den vermeintlichen Konkurrentend zu töten.

Die drei Gelehrten zogen los. Sie sahen den Stern, kamen nach Bethlehem und fanden das Kind. Den ganzen Abend waren sie im Stall, berechneten die Sternkonstellation, spielten mit dem Säugling und schrieben auf, was sie erlebt hatten.  Jetzt brauchten sie noch einen Schlafplatz für die Nacht. Wieder wurde der Jüngste losgeschickt. Er sollte ein Zimmer besorgen. Mehrere Stunden mussten die anderen warten, bis er zurückkam.

„Und“, sagte der Älteste. „Hast du etwas gefunden?“

Der Jüngste schüttelte den Kopf. „Ich bin bei allen Wirten in der Stadt gewesen. Es ist Volkszählung, ich habe euch das schon berichtet. Alle Zimmer sind belegt. Die Wirte haben nicht weggeschickt. Nur einer, der würde uns ein Zimmer geben. Aber er stellt eine Bedingung. Er sah meine wertvollen Kleider und mochte wohl gedacht haben, dass wir Gold oder schätze dabei haben. Er forderte mich auf, ihm alles Gold zu geben, was wir haben. Dann würden wir ein Zimmer bekommen.“

Der Vater des kleinen Kindes, der das gehört hatte, nickte traurig. „Wir konnten niemandem etwas bieten. Deswegen wurden wir weggeschickt.“

„Hast du ihm unser Gold gegeben?“, fragte der älteste Gelehrte.

„Nein, ohne eure Erlaubnis wollte ich das nicht tun. Soll ich losgehen und es ihm geben?“

Der älteste Gelehrte überlegte kurz. „Nein. Das geben wir ihm nicht.“ Er wickelte ein paar Goldmünzen aus dem Saum seines Mantels und gab sie dem Vater. „Dieses Gold“, sagte er, „ist für den Kleinen da!“ Die Eltern wurden ganz verlegen. Sie waren einfache Arbeiter und hatten noch niemals soviel Geld besessen. „Nein, das wollen wir nicht. Wo wollt ihr schlafen?“

„Na hier“, sagte jetzt der älteste Gelehrte. Und er fügte listig hinzu: „Habt ihr Platz im Stall?“

Die beiden Angesprochenen nickten. Die Tiere wurden aus dem Stall geführt und an der Außenwand angebunden. Die junge Familie kuschelte sich in eine Ecke, die drei Gelehrten und ihre Begleiter machten es sich mit ihrem Gepäck und ihren Mäntel in der anderen Ecke bequem. Die Kamele mussten draußen bleiben Kalt war es in dieser Nacht in Bethlehem. Der jüngste der Gelehrten wachte fröstelnd mitten in der Nacht auf. Weil er befürchtete, dass das kleine Kind noch mehr frieren würde, als er, nahm er seinen seidenen Mantel und deckte Maria mit ihrem Sohn vorsichtig zu.